Sonntag, 12. Februar 2012

Viel los im Colegio


Während unseres Urlaubes hatte sich im Colegio doch einiges verändert. Ich hatte mir einen ruhigen Wiedereinstieg vorgestellt, doch als wir am 9. Januar abends in San Francisco ankamen, war das Haus sozusagen ziemlich voll. Zum einen „verbrachte“ eine vierköpfige Familie aus Bogotá mit einem Cousin und einem älteren Mann ihre Ferien im Colegio, um drei neue Klassenzimmer für unsere Schule zu bauen. Außerdem wohnte ein Cousin von Lourdes in der neuen Bibliothek, um ebenfalls zu helfen und Lourdes Bruder mit Frau, Schwägerin und kleinem Kind waren für 2 Tage zu Besuch. Hugo war mit seiner elfjährigen Tochter mittlerweile auch aus Perú wieder zurückgekehrt. Das Haus war also voll.
Die zweite Veränderung war, dass unser Welpe Fiona kurz vor unserer Rückkehr verschenkt worden war =( und mein Lieblingshund von dem anderen halbtot gebissen wurde. Der arme war nur noch ein Häufchen Elend mit vielen Wunden und einem riesigen Loch im Hals, wo 20 Würmer herausgezogen wurden und sich die ganze Hautschicht vom Hals abgelöst hatte. Er musste insgesamt über einen Monat eingesperrt in einem Klassenzimmer verbringen und die Wunde ist bis heute noch nicht wieder ganz zugewachsen. Am Anfang sah er so schlimm aus, dass ich seinen Anblick kaum ertragen konnte, aber mittlerweile hat er wieder bisschen zugenommen und wenigstens ist die Haut wieder angewachsen =).
Sogar das Klima hatte sich in den 3,5 Wochen verändert. Die Luftfeuchtigkeit war kaum noch zu spüren und der Himmel tagsüber und auch nachts fast immer klar. Die Sonne war deshalb ziemlich stark, aber dafür hat es nachts auch abgekühlt und ich bin morgens immer mit Vliesjacke aufgestanden =P.

Mit Sergio, Lourdes Cousin, haben wir dann Wandfarbe in den Klassenzimmern abgespachtelt und neu gestrichen, Tische und Stühle geputzt und andere Tische abgeschliffen und neu gestrichen. Außerdem waren Larissa und ich für das Essen zuständig und haben deshalb jeden Tag mindestens drei Stunden in der Küche verbracht.  Kurz nachdem Lourdes Bruder abgereist war, kam Lourdes Vater aus Barranquilla für ein paar Tage zu Besuch und hat angefangen, unsere riesige überwucherte Wiese mit der Machete zu mähen und dann Stück für Stück abzubrennen. Er ist ein großer, schlanker Mann mit von der Sonne gegerbter Haut, der immer seinen Hut trägt und ziemlich eigen ist, aber trotzdem sehr sehr nett ist und uns jeden Morgen in der Küche ein Lied gesungen hat =P.
Mit ihm und dem älteren Mann aus Bogotá haben wir lange Abende mit Dominospielen verbracht. Domino ist in Kolumbien so etwas wie ein Volksspiel, das an jeder Straßenecke hauptsächlich von Männern gespielt wird. Aber für die älteren Männer ist es viel mehr als ein Spiel. Es wird diskutiert, die Spielsteine werden auf den Tisch gehauen und wenn man verliert, sind natürlich immer die anderen oder das Dominospiel oder was auch immer Schuld, aber nie man selber. Erst recht nicht, wenn man gegen eine Frau verliert =P.
Nach ihm kam dann Lourdes Mutter mit zwei ihrer Enkelinnen für ein Wochenende. Es war also immer was los =)

Die vierte große Veränderung war Farron. Mitte Januar kam Farron aus Chicago für 6 Monate zu uns in die Schule, um hier zu helfen. Die ersten eineinhalb Wochen schlief sie bei uns im Zimmer, wo es mit einem dritten Bett doch ziemlich eng wurde. Aber nachdem die Familie aus Bogotá Ende Januar nach Fertigstellung des Rohbaus der neuen Klassenzimmer abgereist war, konnte sie in das Zimmer umziehen, das wir ganz zu Beginn bewohnt hatten. Mit Farron ist es allgemein nicht ganz so einfach, weil sie im Gegensatz zu ihren Behauptungen kaum Spanisch spricht (und wenn dann mit so einem starken amerikanischen Akzent, dass es weder Erwachsene noch Kinder verstehen) und zum anderen kommt sie mit den einfachen Verhältnissen, in denen wir hier leben, nicht gut klar. Sie scheint einen ziemlich heftigen Kulturschock zu haben, aber es wird langsam ein bisschen besser.

In der letzten Januarwoche fingen dann die Vorbereitungen für das neue Schuljahr an, das am 2. Februar begann. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich zwar nur ca. 50 Kinder angemeldet und genügend Lehrer hatten wir auch noch nicht. Aber es kamen zwei neue Lehrerinnen dazu, die vor Energie und neuen Ideen nur so übersprudeln (wär schon cool, wenn auch nur ¼ der Ideen umgesetzt werden würden) und echt viel Zeit investieren.
Eine der zwei ist Musik- und Kunstlehrerin und will sogar einen Schulchor aufbauen =D. Ich mag unser neues Lehrerteam und freu mich schon auf die Zusammenarbeit!
Ich darf dieses Schuljahr wieder in der Transición unterrichten und bin für die Fächer Mathe, Musik und Englisch (vielleicht auch noch Kunst) zuständig. Larissa ist die neue Sport- und Englischlehrerin für die Klassen 1 bis 5.
Entgegen der angemeldeten 5 Kinder (ich hatte mich schon echt über eine kleine Gruppe gefreut =P) kamen am ersten Schultag doch doppelt so viel und drei weitere sollen noch folgen. Der Großteil der Kinder ist erst 4 Jahre alt und noch eher im Spielalter, aber ich gebe mein Bestes, dass sie am Ende des Schuljahres bis 100 zählen können und einige Worte Englisch sprechen.
Gerade bin ich am Lehrplan erstellen, weil das jeder Lehrer für sich und sein Fach selbst machen muss. Ich finde es ein bisschen schwer, einzuschätzen wie viel Lehrstoff die Kinder in den 40 Schulwochen lernen können, aber es wird schon irgendwie gehen. Ziemlich viel Verantwortung dafür, dass ich keine ausgebildete Lehrerin bin. =P
Aber meine ersten beiden Mathestunden diese Woche verliefen echt gut und die strahlenden Gesichter, wenn die Kinder merken, dass sie am Ende der Stunde eine Null und eine Eins alleine schreiben können, gleichen die Vorbereitungszeit wieder aus =D. Und in der ersten Englischstunde mit Willy, dem Raben (eine englischsprechende Handpuppe) haben sich die Kinder schon auf Englisch vorgestellt, auch wenn die meisten sich nur getraut haben, es dem Raben ins Ohr zuflüstern =).
Jeden Schultag werde ich gefragt, wo mein Vogel heute ist. Hihi

Zum Schluss komme ich nochmal auf Rosita zurück, die ist nämlich gerade auch ein wichtiger Bestandteil des Lebens im Colegio. Hugo und Lourdes sind richtig glücklich, sie hier zu haben und machen viel als Familie zusammen, wobei Larissa und ich auch in die Familie aufgenommen worden sind =). Für mich ist Rosita eine kolumbianische Naemi, die in meinem Bett sitzt und Handy spielt, mir Frisuren macht, viel redet und viel Kontakt sucht und gerne Larissa und mich als große Schwestern hätte =).

Sooo, jetzt seid ihr mal wieder auf dem neuesten Stand =). Jetzt bin ich schon fast ein halbes Jahr in Kolumbien und deshalb findet nächste Woche von Dienstag bis Sonntag unser Zwischenseminar für alle kolumbianischen Freiwilligen in Barranquilla statt.

Ganz liebe Grüße



Mittwoch, 1. Februar 2012

Sechste und letzte Urlaubsstation: Santa Marta vom 7. bis zum 9. Januar


Kurz nachdem wir unsere Tickets für die Fahrt von Medellín nach Santa Marta am Busterminal gekauft hatten, haben wir erfahren, dass in der Nacht davor anscheinend irgendwas auf der Busfahrt schiefgegangen sein soll. Ziemlich beunruhigt bin ich dann in den Bus für die 15stündige Fahrt eingestiegen. Den größten Teil der Reise hab ich dann aber ganz friedlich verschlafen bis kurz nach einem Stopp in Barranquilla (etwa 1,5 h vor dem Ziel Santa Marta) meine Gepäckstücknummer aufgerufen wird. Der Busfahrer teilte mir dann freundlich mit, dass ein älterer Herr meinen schwarz-roten Rucksack mit seinem roten Rucksack in Barranquilla verwechselt hat (dass er selbst verbockt hatte, die Gepäcknummerzettel zu vergleichen, hat er natürlich nicht erwähnt) und der Rucksack deshalb in Barranquilla geblieben ist. TOOOOLL. Aber das wäre ja natürlich überhaupt kein Problem, den Rucksack würde ich noch am selben Abend wiederbekommen. JAAJAA
In Santa Martha am Terminal wollte ich dann eine Sicherheit, dass ich ihn wirklich wiedersehe und ich habe zwei Telefonnummern bekommen, wo ich abends um 6 Uhr anrufen sollte, um dann den Rucksack abzuholen, der mit dem nächsten Bus geschickt werden sollte. (Das Geld für die Taxifahrt hab ich mir natürlich auch von dem Busfahrer geben lassen, das er widerwillig aus eigener Tasche gezahlt hat.)
Den Nachmittag verbrachten wir trotzdem am Strand in Taganga, einem kleinen Fischerdorf. Da ich nur lange Kleidung dabei hatte, bin ich halt in Unterwäsche und mit Larissas bisschen weiter Shorts baden gegangen =P.
Gegen Abend rief ich dann mehrmals auf beiden Nummern an, aaaber ging natürlich keiner dran. Also sind Larissa und ich losgezogen um persönlich nach dem Rucksack zu fragen. Wie zu erwarten war, war von diesem jedoch keine Spur. Nach ein wenig Druck auf die Ticketverkäuferin am Schalter rief sie in Barranquilla an und bekam heraus, dass der Rucksack noch dort stand, aber mit dem Bus um halb 9 Uhr abends losgeschickt werden sollte. Ich gab ihr meine Handynummer, damit sie dann um 11 Uhr abends anrufen sollte, wenn er da ist. (Ich hätte ihn dann aber erst am nächsten Morgen abholen können).  Leeeider kam kein Anruf und am nächsten Morgen ging immer noch keiner ans Telefon. Die Nacht hatte ich ziemlich schlecht geschlafen, denn meine Hoffnung schwand mit jeder Stunde und ich wütend war ich auch.
Um 9 Uhr morgens bin ich dann alleine zum Terminal gefahren (mittlerweile war das Taxigeld schon lange aufgebraucht) und am Schalter der Busgesellschaft hatte keiner eine Ahnung. Das hat dann aber das Fass zum Überlaufen gebracht und ich bin ein bisschen ausgerastet. Mir war so egal, was die Leute von mir dachten, Hauptsache ich bekam meinen Rucksack wieder. Ich wurde von einer Person zur nächsten gereicht, bis ich einem Mann mal ganz deutlich gesagt hab, dass er sofort in Barranquilla anrufen sollte. Aber dort war mein Rucksack nicht mehr. AHHHHH Ich bin dann heulend an der Tür zum Büro stehen geblieben, um genau mitzubekommen, was er sagt und wie sich die Sache entwickelt. Ihm war das sichtlich unangenehm und er wollte mich immer wieder ins Wartezimmer abschieben, aber sobald ich außer Sichtweite war, haben die einfach aufgehört sich darum zu kümmern. Nach tausenden Telefonaten ist er dann einfach verschwunden und kam nicht wieder.
Ich bin dann einfach zur nächsten Schalterdame gegangen vor allen anderen Kunden und hab gemeint, ich will auf der Stelle wissen, was los sei. Nach 2 Stunden hatten sie dann mal herausgefunden, dass der Rucksack mit dem Bus aus Barranquilla am Vorabend mitgeliefert, bloß aufgrund der Unfähigkeit des Busfahrers nicht in Santa Martha ausgeladen wurde, sondern einfach bis nach Maicao (4-5Stunden von Santa Martha Richtung Venezuela) mitgereist ist. Zum Zeitpunkt des Telefonats befand er sich also im Büro der Busgesellschaft in Maicao und der nächste Bus fuhr erst um 1 Uhr nachmittags wieder nach Santa Martha. Die Frau hat mir dann einfach so gesagt, ich solle um 5 Uhr nachmittags wiederkommen. Da bin ich dann nochmal bisschen mehr ausgerastet und hab gemeint, entweder mir wird jede einzelne Taxifahrt bezahlt oder der Rucksack wird mir ins Hostel geliefert und ihre Handynummer wollte ich auch. Dann bin ich gegangen, um den Tag mit den anderen am Strand von Santa Martha zu verbringen.
Und tatsächlich hat sich mein ganzes Theater gelohnt, denn um 16 Uhr rief der Mann von der Busgesellschaft an, um zu sagen, dass er den Rucksack hat. Um kurz vor 17 Uhr wurde er mir dann persönlich ans Hostel geliefert!!! Ich war sooo glücklich. Der Hostelbesitzer hat sich die ganze Zeit lustig über mich gemacht, weil ich ein mega Grinsen auf dem Gesicht hatte =D.
Das musste natürlich gefeiert werden, da es auch gleichzeitig der letzte Abend unseres Urlaubes waren und deshalb sind wir Kokosreis, Patacón und Fisch essen gegangen.
Den nächsten Vormittag konnte ich nochmal gaaanz entspannt und im Bikini und mit Handtuch am Strand in Tanganga verbringen und die Karibik genießen.
Am 9. Januar haben Julia, Larissa und ich nachmittags die letzten vier Stunden wieder zurück nach Cartagena zurückgelegt, während Doreen und Gerrit weiter in den Tayronapark gezogen sind.
Es war wirklich ein klasse Urlaub und wir haben wahnsinnig viel erlebt, viele Leute kennengelernt und gaaanz viel gesehen =) Die Zeit wird unvergessen bleiben.

Im Nachhinein haben wir auch erfahren, was in der Nacht vor unserer Busfahrt passiert ist: Der Bus von Medellín nach Santa Marta wurde von der Guerilla überfallen, der Busfahrer ermordet und der Bus ausgebrannt.
Außerdem gab es anscheinend in Santa Marta die letzten zwei Tage bevor wir angekommen sind einen Streik, der von Paramilitärs ausgerufen wurde. Sie hatten angedroht, jeden zu ermorden, der seinen Laden öffnet oder z.B. Taxi fährt. Es herrschte also absolute tote Hose in Santa Martha.
Zum Glück hab ich das alles erst danach erfahren!! Unsere spontane Urlaubsplanänderung war also wirklich auf den Tag perfekt geplant gewesen =P